| Dorfgeschichte
Älter als 800 Jahre!
Der 5. April 1945 |
Der
5. April 1945
in Oberkalbach

Trotz Abhörverbot ausländischer Rundfunksender
wusste man es am Ostersonntag in allen Häusern, und auf der Straße
sprach man davon -- nicht ohne Bestürzung: Schwere Panzerverbände stoßen
von Hauswurz auf Fulda zu! Amerikanische Artillerie schießt nach
Schlüchtern! In die Angst vor der unaufhaltsam vorrückenden Front
mischte sich die Hoffnung auf ein schnelles Ende der Schrecken.
Bild vom
5. April 1945
In der Karwoche hatten
Heubach und Uttrichshausen die Feldposteinheiten des
Luftgaupostamtes Wiesbaden aufnehmen müssen. Der OKW-West-Fernlast-Stab
mit 3 Obersten, 2 Majoren, etlichen Hauptleuten und der entsprechenden
Zahl von Mannschaften hatte in Oberkalbach Zuflucht gefunden. Als
am Karsamstag Kolonnen gefangener Russen nach Wildflecken zu durch
unsere Ortschaften geschoben wurden, vermuteten Aufklärer
Truppenbewegungen , und wenige Minuten später wollten 18 Tiefflieger
zum Angriff ansetzen. Als sie die Lage erkannten, drehten sie ab. Das
unheimliche des Krieges lastete nunmehr auch erdrückend auf den stillen
und friedliebenden Dörfern der Vorderrhön. Die nackte Angst vor dem
Drohenden ging um. Deshalb war der Konfirmationsgottesdienst an diesem
Osterfest mit seinem Zuspruch: „ Wer den HERRN fürchtet, der hat eine
sichere Festung“ (Spr. 14,26) verstanden worden als Zurüstung der
Gemeinde für die Stunde der Gefahr.
Der 2. April brachte
eine doppelte Überraschung: Wir sind abgeschnitten vom elektrischen
Strom. Und eine Batterie 7,5 cm-Infanteriegeschütze mit
Maschinengewehren und Maschinenpistolen bezieht Stellung gegenüber vom
Weinberg. Die Amerikaner hatten also Schlüchtern und Fulda besetzt.
Trotzdem wollte man noch Widerstand leisten.
Unsere Unruhe und
zugleich unsere Verbitterung steigerten sich, als sich am Dienstag aus
Reserven von Dalherda und versprengten Einheiten von Döllbach und Hutten
die Kampfgruppe „Kurzreiter“ bildete. Wir ahnten nichts Gutes. Als
ich um 10 Uhr mit dem Fahrrad nach Uttrichshausen zu einer Beerdigung
fuhr, die für 11 Uhr angesetzt war, hatten Volkssturmmänner mit
SS-Leuten die Straße mit Panzersperren verbaut. Ein wahnwitziges
Unterfangen! Aufeinandergetürmte, frisch gefällte Baumstämme konnten die
amerikanischen Panzer nicht aufhalten.
Am Mittwoch geschah
nichts Neues. Aber es war die Ruhe vor dem Sturm. Und schon in der Nacht
zum Donnerstag ging es los. Am Bahnübergang in Neuhof versuchten die
„Kurzreiter“ dem Kessel zu entkommen. Vergebens! Der schnell
zusammengebrochene Vorstoß war lediglich zum Startzeichen geworden für
das Anlaufenlassen der Motore in den amerikanischen Riesen-Panzern. Bei
Tagesanbruch rollten sie langsam von Oberzell her auf Heubach
und Uttrichshausen zu. Gegen 9 Uhr quollen hinter dem
Oberkalbacher Grund schwere Rauchwolken empor. Stallungen und Scheune
des Bauern Johannes Jäger brannten nieder. Eigentlich hätte ich zu einer
Beerdigung in Heubach sein müssen. Aber ich wurde in Oberkalbach
festgehalten. Denn es drängten sich immer mehr versprengte Infanteristen
in unser Dorf, offenbar von SS-Männern gepeitscht, die ihrem Offizier,
der vom Schulhof aus Befehle gab, noch immer blind gehorchten. Die
einzigen Waffen waren Karabiner, Panzerfäuste und Handgranaten. Was
hatte man vor? Es konnte nicht mehr zweifelhaft sein. Das eigene Unglück
sollte zum Unheil alle werden. Die Parole hieß: Oberkalbach wird
verteidigt!
Alle meine Versuche,
die Besessenen von dem Sinnlosen abzubringen, scheiterten. Schon fing es
an, dass Frauen und Männer, die Alten und Jungen, fassungslos wurden.
Die weiße Fahne. Aber man fürchtete das Standgericht. Der junge
SS-Offizier, der an der Ostfront einen Arm verloren hatte, auch am Kopf
verwundet war, war unberechenbar. Gegen 11 Uhr fasste mich mein Nachbar
Rüffer und zwang mich von der Straße ins Pfarrhaus. „Der schießt Sie
noch über den Haufen“. Es war entsetzlich. Die Katastrophe zu erkennen
-- und nichts tun zu können, um sie zu verhindern, war das nur Schicksal
und nicht doch auch Schuld? Ich setzte mich in mein Amtszimmer an die
Schreibmaschine, um mir einige Aufzeichnungen für die Chronik zu machen.
Mein Blick durchs Fenster lenkte mich immer wieder ab, denn ich
beobachtete, wie von Eichenried her erneut gehetzte deutsche Soldaten
ins Dorf liefen. Sie wurden sofort aufgefangen und dem SS-Offizier
unterstellt. Als ich sah, dass sich in Nachbar Schäfers Futterküche drei
Mann mit Maschinenpistolen hockten, hielt es mich nicht mehr im Haus.
Ich wollte auf die Straße. Da kam ein Kriegsgefangener Franzose auf mich
zu und sagte „Häuserkampf“. Der Befehl war gegeben, in den Kellern mit
Handfeuerwaffen in Stellung zu gehen. Nun eilten auch Frauen und Kinder
in die vom Luftschutz für den Ernstfall bezeichneten Keller. Die ersten
amerikanischen Panzer auf der Straße Mittelkalbach-Oberkalbach waren
gesichtet. Kurz nach 12 Uhr fielen die ersten Schüsse. Sie waren auf
Beobachter im Kirchturm gerichtet. Wenige Minuten später brannten
Wohnhaus und Stallung des Bauern Breitenbach. Sofort wurden
Löschversuche unternommen. Aber sie wurden durch den beginnenden
Straßenkampf unmöglich. Die Verwirrung wuchs. Jedes Haus wurde
durchkämmt! Als die Amerikaner das Pfarrhaus durchsucht hatten und aus
der Garage wieder ins Freie traten, traf ein Schuss aus dem Hinterhalt
einen ihrer Kameraden. „Water, water!“ Ich eilte hinzu, um ihm Wasser
zu bringen. Aber der junge Mensch starb noch in diesem Augenblick. Ein
Trupp Amerikaner kam herzu. Sie hüllten ihn in Decken, die sie von
meiner Frau gefordert, und trugen ihn fort. Es war eine kurze Pause
entstanden. Aber ehe eine Besinnung eintreten konnte, war ein Signal
gegeben worden. Der amerikanische Kommandant hatte die Einstellung des
Straßenkampfes befohlen und zugleich die Anordnung getroffen: „Binnen 10
Minuten ist das ganze Dorf zu räumen. Es wird restlos niedergebrannt“.
In Nachbar Schäfers Scheune war schon Feuer geworfen.
Eine Panik brach aus.
Unbeschreiblich! War kein Ausweg möglich? Die SS-Leute schossen noch
immer. Was war zu tun? Da entschloss ich mich, den amerikanischen
Kommandanten zu suchen und ihn zu bitten, seinen Befehl zurückzunehmen.
Eine Amnestieerklärung des Kasseler Sondergerichts aus dem Jahre 1938,
in der von meinem Vergehen gegen das Heimtückegesetz geschrieben war,
diente mir als Ausweis. Aber ich erreichte nur die Zusage, die
Räumungszeit um 40 Minuten zu verlängern, die Kirche und das Pfarrhaus
zu schonen. Auf alle anderen Vorstellungen antwortete er nur mit dem
wiederkehrenden Satz: „Two men are killed!“ „Zwei Mann sind gefallen“.
Nun hieß die Parole:
retten, was zu retten ist. Auf Karren und Wagen wurden die
notwendigsten Sachen geladen. Das Vieh wurde aus dem Dorf getrieben. Wo
war noch Sicherheit? Wo war Schutz?! Nach allen Richtungen hin eine
Flucht. Mit einer Umsiedlerfamilie aus der Dobrudscha, die seit 1943 im
Pfarrhaus wohnte, mit Frau und Kind blieb ich in unmittelbarer Nähe des
Dorfes auf „Gehampeters Acker“ hinter der Kirche. Ich hatte nur die
Kirchenbücher auf den alter Friedhof gebracht. Jetzt galt es zu
vertrauen:
„Es Kann
mir nichts geschehen, als was ER hat ersehen und was mir selig ist.
Ich nehm es, wie er’s gibet, was IHM von mir beliebet, dasselbe hab auch
ich erkiest. Ich traue seiner Gnaden, die mich vor allem
Schaden, vor allem Unfall schützt. Leb ich nach seinen Sätzen, so wird
mich nichts verletzen, nichts fehlen, was mir ewig nützt!“
Um 12.25 Uhr war der
Befehl zum Räumen des Dorfes gegeben worden. Erst gegen 13.40 Uhr begann
der angekündigte Beschuss. Die amerikanischen Panzer waren auf dem
Gelände hinter „Lamphannse“ und auf der Gegenseite auf dem Acker „Hinter
der Kirche“ aufgefahren und feuerten mit Phosphor-Munition aus allen
Rohren. Was Vergeltung ist, das wurde hier offensichtlich. Die
Zerstörungsmacht wütete nun unheimlich. Ein Haus nach dem anderen ging
in Flammen auf. Die Wirtschaftsgebäude brannten wie Zunder. Leichter
Regen setzte ein und ließ Qualm wie rabenschwarzes Gewölk über dem Dorf
lagern. Noch zweimal verhandelte ich mit dem Kommandanten. Sein
jüdischer Dolmetscher hatte Verständnis für mein Bitten. Ich erschien
ihm als Glied der „Be-kennenden Kirche“ glaubwürdig. Als ich um 15.20
Uhr die Einstellung des Vergeltungsfeuers erreichte, hatte ich auch ihm
zu danken.
Wie es im Dorf aussah,
ist unvorstellbar. Es war wie ausgestorben. Und es konnte doch noch
größerer Schaden verhütet werden. Das Scholze Haus war noch zu retten.
Auch Rüffers und Kraushaars Wohnungen. Jetzt mussten Männer und Frauen
zum Löschen geholt werden. Die Geflohenen wagten sich nicht zurück. Ich
ließ rufen, suchen. Mit den Luftschutzspritzen arbeiteten wir
fieberhaft, selbst amerikanische Soldaten packten zu. Und es gelang
tatsächlich, die drei Wohnhäuser vor dem Niederbrennen zu bewahren. Auch
das Bürgermeisteramt in „Schmidts-Garten“ wäre noch zu retten gewesen.
Aber unsere Kräfte reichten nicht aus. Man fürchtete sich vor dem
Zurückkommen ins Dorf. Es war ein Erschauern und Grauen in aller Herzen.
Der Anblick, vor dem Nichts zu stehen, ließ ebenso erschrecken wie die
Feststellung, dass das Erbe der Väter verschont geblieben, erbeben ließ.
Als der Abend kam, war
noch nicht zu übersehen, was eigentlich geschehen war. Es hatte sich
nur durchgesprochen, dass ein zweiter amerikanischer Soldat in
„Lamphannse“ Hof schwer verwundet worden und alsbald verstorben war. Der
“Kötze-Hannse Franzos“, Albert Vasseur aus Channy, war in der Nähe vor
Herberts Haus gefallen. Für die Nacht hatten sich die Amerikaner in
einzelnen Häusern einquartiert. Im Pfarrhaus, das stark beschädigt war,
hatten sie Keller und Speisekammer durchsucht. Die Pfarrfrau musste
ihnen kochen und braten. Sie forderten auch Alkohol. Aber sie
verzichteten, als ich mit der Begründung ablehnte, dass der Wein für die
Feiern des Hl. Abendmahls gebraucht würde. Als ich in diesem
Zusammenhang auf die furchtbaren Zerstörungen hinwies, die sie durch
ihren Beschuss verursacht, schienen sie sich zu schämen. Aber sie
wiederholten das Wort ihres Kommandanten: „Two men are killed“.
Vergeltung schrieben auch sie größer als Vergebung!
In der Nach vom
Donnerstag zum Freitag brannte noch das Haus des Konrad Jost nieder. Er
hatte es sich mühsam selbst gebaut. Am ersten Kriegstage war er
eingezogen worden. In Norwegen und Russland stand er im Einsatz. Auf
Genesungsurlaub in der Heimat musste ihn im eigenen Haus, am letzten
Kriegstage, der Splitter einer Phosphorgranate treffen. Nach
entsetzlichen Schmerzen verstarb er im Schlüchterner Krankenhaus. Und
ein zweites Glied der Gemeinde wurde Opfer des 5. April: Johann
Sauer, evakuiert von Köln nach Oberkalbach. Am Freitag fand man auch
einen Hitlerjungen. Hans Zeh aus Preungesheim in unmittelbarer Nähe des
Dorfes. So waren als Folge des schicksalsschweren Tages 6 Menschenopfer
zu beklagen, 70 Personen waren durch die Zerstörung von 17 Wohnhäusern
obdachlos geworden. 33 Wirtschaftsgebäude wurden Raub der Flammen. 20
Kühe, 9 Pferde, 4 Rinder, 9 Schweine, 9 Ziegen und 8 Schafe verbrannten.
11 Gebäude wurden zu 10 bis 15% beschädigt. Als am Sonnabend der
gefallene Franzose auf dem Oberkalbacher Friedhof beerdigt werden
sollte, entdeckten wir, dass nicht nur der Kirchturm starke Schäden
aufwies. Die einzig verbliebene Glocke war durchschossen und verstummt.
Ihr Schweigen war mehr als Klage und Anklage. Ihr Schweigen war
wirksamer Ausdruck der Trauer und des Schmerzes über die Not ihres
Dorfes, über den Niederbruch unseres Volkes, über den Opfergang der
Menschen in aller Welt. Ihr Neuguss geschah durch die Glockengießerei
Rincker in Sinn. Nun deuten die Zahlen auf ihrem Mantel 1611 - 5.4.1945
- 1946 ihrer Geschichte, die jede Generation beschwört: Sät Liebe, nicht
Haß! Übt Vergebung, nicht Vergeltung!
Darum trägt sie die
Inschrift:
„Gleich dem
Vaterland durchschossen,
zum Neuerstehen
umgegossen,
künd ich von ewiger
Liebe
mitten in allem
zeitlichen Leide.“
Dekan R. Jung
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